Eine Marke, eine App: Warum wir unsere digitalen Hefte in die Nachrichten-Apps integrieren

Die erste iPad-Ausgabe des SPIEGEL
  • Sich schnell informieren auf der einen Seite, tiefer eintauchen in Themen auf der anderen: Diese zwei sehr unterschiedlichen Nutzungsmodi werden von einem Medium wie unserem tatsächlich nachgefragt. Die Magazin-Apps („SPIEGEL Kiosk“ und die entsprechenden manager-Apps) wurden zwar immer von deutlich weniger Menschen genutzt als die Nachrichten-App, nämlich nur Zehntausenden statt Millionen, aber dafür intensiver, leidenschaftlicher. Kein Wunder, wer für ein Produkt bezahlt, nutzt es auch lieber (und umgekehrt). Seit wir in den vergangenen zwei Jahren unsere neuen Abomodelle SPIEGEL+ und manager+ eingeführt haben, ist auch die Nutzung der Magazin-App noch mal deutlich gewachsen.
  • Wettbewerb ums Wochenende: Die Magazin-App des SPIEGEL fordert Zeit zum Lesen, und diese Zeit hat man eher am Wochenende als unter der Woche. Genauer: ab Freitag Büroschluss. In diesem Jahr haben wir begonnen, die wöchentliche Ausgabe immer schon ab 13 Uhr statt 18 Uhr bereitzustellen, damit man sie lesen kann, sobald man auf dem Heimweg ist. Die Nutzung gab uns Recht — Leser:innen wollen zur Lesezeit am Wochenende möglichst aktuell möglichst tiefen Stoff, und dafür liegen wir mit unserem Produktionszyklus genau richtig. Ähnliches gilt monatlich für manager magazin und Harvard Business manager.
  • Gute Texte sind genug: Mit dem Start des iPad kam in der Medienbranche die These auf, Leser:innen würden erwarten, dass die multimedialen Möglichkeiten der Geräte großflächig genutzt werden. Tatsächlich ist dem nicht so. Zu Jahresbeginn haben wir entschieden, Geschichten in der Magazin-App des SPIEGEL nur noch dann aufwändiger zu produzieren, wenn es das Thema gebietet, und nicht mehr für eine bestimmte Zahl von Artikeln. Auch auf QR-Codes in der gedruckten Ausgabe verzichten wir, die auf aufwändiger produzierte digitale Versionen verwiesen. Kritik daran gab es kaum. Für uns liegt der Schluss nahe, dass man sich eine richtig gut produzierte Geschichte zwar sicher merkt. Eine gute Geschichte an sich reicht aber auch, gerade wenn man bei der Produktion eigentlich nur l‘art pour l‘art machen würde.
  • Offline wird überschätzt: Viele Magazin-Apps sind technisch so aufwendig, weil sich die These hält, dass Leser:innen die digitalen Ausgaben herunterladen wollen. Entsprechend wurde die Kiosk-Artigkeit der Magazin-Apps von Beginn an forciert, sie wurden ganz anders aufgebaut; bei uns wurde sogar eine eigene CMS- und Produktionslösung gebaut, die mit der Online-Seite nur eine Schnittstelle teilt — und für jene Texte, in denen aufwendige Produktion mit modernen Online-Mitteln sinnvoll wäre, diese Möglichkeiten nicht bieten kann. Tatsächlich sehen die Nutzungszahlen aber anders aus. Die allerallermeisten lesen unsere Magazin-App im WLAN. Nur rund zwei Prozent der Nutzungen erfolgen offline. Und durch den Ausbau von 4G, 5G und WLAN in Flugzeugen werden sich die Zahlen noch weiter verschieben.
  • Print-Online-Identität reicht nach Pareto-Prinzip: Eine Magazin-App muss natürlich die großen Geschichten beinhalten, die es in Print gibt — aber es wird nicht jede kleine Nachrichtenmeldung aus dem Heft erwartet, zumal wenn sie ohnehin auf der Nachrichten-Webseite steht. Man kann also kleinere Texte weglassen, sinnvolle Texte hinzufügen, Artikel aktualisieren oder Langversionen von Interviews präsentieren, was immer dem digitalen Medium angemessen ist. Leser:innen überprüfen das alles sehr selten, und sie beschweren sich nur, wenn sie Angekündigtes nicht oder nicht wie erwartet finden.
  • Querverwertung schadet nicht: Seit Monaten publizieren wir große, exklusive Geschichten aus dem SPIEGEL und manager magazin nicht mehr erst am Erscheinungstag, sondern teils schon deutlich vorher als Abo-Stücke auf der Homepage — etwa dann, wenn das Interesse an einem Thema anschwillt. Außerdem können wir so unsere digitalen Bezahlangebote pushen. Ein solches Vorziehen von Texten galt in der Branche lange als riskanter Schritt, weil Leser:innen der gedruckten Ausgabe sich wundern könnten, dass sie im Magazin einen Text finden, der schon vor Tagen auf der Webseite stand. Bei Investigativ-Magazinen wie SPIEGEL und manager magazin kommt hinzu: Besteht das Risiko, dass unsere Geschichten durch die Veröffentlichung in den Folgetagen nachrichtlich so weiterdrehen, dass unsere Heft-Abonnent:innen dann eine veraltete Geschichte bekommen? Tatsächlich gab es von unseren Nutzer:innen bei beiden Titeln bislang nie Beschwerden. Unsere Lehre: Wer ein Abo bei uns kauft, ob in Print oder Digital, versteht schon, dass damit vor allem guter Journalismus finanziert wird, egal auf welcher Plattform. Erscheinungszeitpunkte von Texten beschäftigen eher uns intern.
  • Für Randfälle gibt es immer noch eine Offline-Version, die kompakt sein und schnell laden soll und deshalb nicht alle komplex produzierten Geschichten 1:1 übernimmt, zum Nutzen von Speicher und Geschwindigkeit.
  • Für Freund:innen der klassischen Magazin-Ausgabe gibt es ein E-Paper als PDF, das nun direkt am Cover leichter zu finden ist, wie auch die Offline-Version…
  • …und beim SPIEGEL das komplette Magazin jede Woche zum Anhören — diese Feature-Neuerung ist zwar derzeit noch in Arbeit, wird aber in den kommenden Monaten im Rahmen eines neuen Audio-Angebots ausgerollt, das wir aus unserem VAMP-Projekt (Link) der Google-DNI-Förderung heraus entwickeln. Begleitend wird es in der App eine neue Audiothek geben, die das Hören des Magazins besonders leicht und übersichtlich macht und im Nutzungserlebnis wie ein guter Podcatcher funktioniert.

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