Eine Marke, eine App: Warum wir unsere digitalen Hefte in die Nachrichten-Apps integrieren

Etwas mehr als ein Jahrzehnt ist es her, dass Apple mit dem iPad eine neue Dimension digitaler Medien zu eröffnen schien. Steve Jobs präsentierte ein neues Gerät am Sweetspot zwischen Computer und Handy: leistungsstark, aber mit den Fingern zu bedienen; angenehm groß, aber zum Mitnehmen; im Internet zu Hause, aber eigentlich wie ein Blatt Papier. Gerade letzterer Aspekt schien Verlagen wie eine Rettung, doch noch bezahlte Produkte in der digitalen Welt einführen zu können. Nachdem das iPad im Format eines handlichen Magazins daherkam, brachte auch der SPIEGEL erstmals eine digitale Ausgabe seines gedruckten Magazins zum Kaufen aufs Tablet.

Die erste iPad-Ausgabe des SPIEGEL

Gerade im deutschsprachigen Medienmarkt ist es seither üblich, dass jede Marke zweierlei Apps anbietet: eine für die Nachrichten-Webseite, eine andere für ein Abbild des gedruckten Produkts. Es war ein Jahrzehnt des experimentellen Nebeneinanders. In diesem Jahrzehnt haben auch wir viel über Verhalten und Vorlieben von Nutzer:innen gelernt:

  • Sich schnell informieren auf der einen Seite, tiefer eintauchen in Themen auf der anderen: Diese zwei sehr unterschiedlichen Nutzungsmodi werden von einem Medium wie unserem tatsächlich nachgefragt. Die Magazin-Apps („SPIEGEL Kiosk“ und die entsprechenden manager-Apps) wurden zwar immer von deutlich weniger Menschen genutzt als die Nachrichten-App, nämlich nur Zehntausenden statt Millionen, aber dafür intensiver, leidenschaftlicher. Kein Wunder, wer für ein Produkt bezahlt, nutzt es auch lieber (und umgekehrt). Seit wir in den vergangenen zwei Jahren unsere neuen Abomodelle SPIEGEL+ und manager+ eingeführt haben, ist auch die Nutzung der Magazin-App noch mal deutlich gewachsen.

Als wir vor einigen Monaten begonnen haben, über einen Relaunch unserer Magazin-Apps nachzudenken, haben uns diese Erfahrungen zunächst zu einer ersten, grundlegenden, aber letztlich simplen Schlussfolgerung verholfen. Wir sehen keinen Sinn mehr in eigenen Magazin-Apps. Wir sehen im Gegenteil Sinn in einer ganzheitlichen Markenlogik, die an einem zentralen Ort — der einen App der jeweiligen Marke — den verschiedenen Nutzungsbedürfnissen von Leser:innen ihren Raum gibt. Leser:innen wollen zum Wochenende Lean-back-lesen, was die Woche über wichtig war und was kommende Woche wichtig wird. Also bekommen sie künftig in derselben Umgebung, in der sie auch aktuelle News vom SPIEGEL finden, ein In-App-Magazin, das auf dem Urgedanken des Print-Heftes als Nachrichtenmagazin basiert, diesen Gedanken aber konsequenter in den digitalen Nutzungsmodus transferiert. Und zwar eben immer freitagmittags dort, wo die meisten Leser:innen ohnehin sind: in der Nachrichten-App, die jeden Tag Millionen nutzen. In ersten beiden Reitern der App minutenaktueller Journalismus für die Information jetzt gerade, daneben in der Mitte das „Was Sie zum Wochenende wissen müssen“-Magazin zum Tiefertauchen: Die beiden Nutzungsmodi sind künftig nur noch ein paar Pixel voneinander entfernt und nicht mehr Welten im App Store. Genau dasselbe lässt sich auch auf unsere Wirtschaftsmarken manager magazin und Harvard Business manager übertragen.

Möglich macht das alles eine moderne technische Architektur, die die Anforderungen einer Live-Seite und einer downloadbaren Ausgabe zusammenführen kann. Möglich macht es aber auch die Einsicht, dass Marke wie unsere möglichst unkompliziert umfassend nutzbar sein sollten. Es ist schwer genug, eine App erfolgreich im App Store zu platzieren; zwei sind eine zu viel, gerade für Leser:innen, die sich um unsere Produktwelten wenig Gedanken machen wollen. Wenn sie das digitale Magazin schlicht nicht kennen, weil sie im App Store nie nach weiteren Apps des SPIEGEL suchen würden oder weil sie eine reine Abo-App nie installieren würden — dann muss das Magazin mit seinen Attraktionen näher zu ihnen kommen.

Auf der Basis dieser Entscheidung fielen uns viele weitere Schlussfolgerungen für den Relaunch leichter. Künftig werden wir jeden Text nur noch einmal digital produzieren, für die News-Seite und das Magazin zugleich, und das immer so multimedial, wie es das Thema nahelegt, also manchmal gar nicht, manchmal sehr. Wir werden einige Texte je nach aktueller Lage vorab auf der Nachrichtenseite präsentieren, und dann jeden Freitag in die wöchentliche digitale Ausgabe einbauen, gegebenenfalls aktualisiert, gekürzt oder auch unverändert, und die Texte natürlich auch drucken, alles so, wie immer es Sinn ergibt. Bei jedem dieser Texte wird es sich vom Charakter her um Magazin-Texte handeln. Aber sie hängen nicht davon ab, ob sie im gedruckten Magazin erschienen sind. Magazin-Texte in diesem Sinne sollen schlicht die digitalen Produkte bereichern, ob Live-Seite oder Wochen- bzw. Monatsausgabe, und das gedruckte Produkt natürlich auch. Diese crossmediale Themendenke steht im Hintergrund des App-Relaunchs wie auch im Hintergrund anderer Reformen in unseren Redaktionen. Am Ende geht es darum, ein Magazin wirklich digital zu denken — und natürlich um gute Geschichten.

Die Ästhetik des neuen Magazin-Reiters nimmt noch Anleihe an die gedruckten Hefte: der markante Rahmen etwa beim SPIEGEL, immer ein prägnantes Cover, dazu der prägnante Schriftzug. In jeder Marktforschung lernen wir wieder, wie wichtig diese Erkennungszeichen sind, und sie haben uns schon beim Relaunch unserer Nachrichtenseiten von SPIEGEL und manager-Gruppe Orientierung gegeben. In der weiteren Struktur der digitalen Ausgaben folgen wir dagegen dem Designsystem, das wir für unsere Nachrichtenseite entwickelt haben und das sich bei Leser:innen inzwischen bewährt hat; außerdem haben wir Anzeigen reduziert.

Leser:innen wünschen sich in einer App vor allem eine konsistente Nutzerführung, ist unsere Erfahrung. Darum gibt es nun keinerlei spezielle Gestaltungsspielereien mehr, um sich im Magazinbereich besonders von der Webseite abzuheben, im Gegenteil — es gibt vielmehr drei praktische Funktionen, die wir auf Nutzer:innenwunsch neu gebaut haben.

  • Für Randfälle gibt es immer noch eine Offline-Version, die kompakt sein und schnell laden soll und deshalb nicht alle komplex produzierten Geschichten 1:1 übernimmt, zum Nutzen von Speicher und Geschwindigkeit.

Wir sind gespannt, wie gut diese Neuerungen angenommen werden — vor allem hinsichtlich der neuen Audio-Angebote. Tatsächlich ist der Audio-Markt heute ähnlich dynamisch, wie damals Medienhäuser auf die iPad-Einführung reagierten. Ob Audio ein Geschäftsfeld für Verlage wird, wird sich im kommenden Jahrzehnt zeigen. Nur dass man dafür eine eigene App braucht, können wir jetzt schon ausschließen.

Das Update für die Apps erscheint am Dienstag, 16. März 2021.

DER SPIEGEL × Devblog. Wie wir unsere Produkte weiterentwickeln, was wir dabei lernen.

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