Ein Jahr Projekt Orange — was wir geschafft haben

Interne SPIEGEL-Veranstaltung am 27. August 2019: Bilanz eines Reformjahres

Vor ziemlich genau einem Jahr haben die Gesellschafter beschlossen, dass die beiden großen Redaktionen des SPIEGEL — die Print- und die Online-Redaktion — zu einer gemeinsamen Redaktion des SPIEGEL mit einer gemeinsamen Chefredaktion werden sollen.

Das liest sich einfacher, als es tatsächlich war und als es ist: Diese Entscheidung hat die größte strukturelle Veränderung in der Geschichte des Unternehmens in Gang gesetzt. Aus zwei Organisationen soll eine werden, zwei Redaktionen, die bisher getrennt voneinander geplant und gearbeitet haben, sollen sich künftig als eine verstehen. Das hat Auswirkungen auf:

Allen Beteiligten war klar, dass die Entscheidung zu fusionieren der Beginn eines tiefgreifenden Wandels war. Dass wir damit einen Weg einschlagen würden, den vor uns kaum ein Medium in Deutschland gegangen ist.

Wir wussten aber: So weiterzumachen wie bisher ist angesichts des tief greifenden Strukturwandels unserer Branche keine Alternative.

Wo stehen wir jetzt, und was haben wir in dem einen Jahr gemacht?

Am 1. September startet der Gemeinschaftsbetrieb — und damit das Arbeiten in der gemeinsamen Redaktion. Das bedeutet konkret:

Nach einem Jahr Orange: Ausschnitt aus dem Board einer Projektsitzung

Wir sind ehrlich: Der Weg dahin war anstrengender und oft auch komplizierter, als uns vorher klar war. Bei laufendem Betrieb, mit neuer Chefredaktion und einer Redaktion, die zwischenzeitlich mit der größten publizistischen Krise ihrer Geschichte konfrontiert war — Stichwort Relotius — in so einer Zeit über neue Strukturen nachzudenken, ist eine Herausforderung, um es diplomatisch zu formulieren. Deshalb freuen wir uns über das, was wir geschafft haben:

Besprechungsecke im integrierten Wirtschaftsressort: Neue Abläufe, neue Wege, neue Kommunikationsformen

War’s das?

Schön wär’s.

Offen gesagt müssen wir schmunzeln, wenn uns Kolleginnen und Kollegen fragen: „Wann ist denn die Fusion fertig?“ Wir haben darauf keine Antwort. Die meisten von uns haben jahre-, manche jahrzehntelang in ihrer Redaktion gearbeitet. Das bedeutet Gewissheiten und Gewohnheiten. Die Kollegen sind durch Erfahrungen und eine Kultur geprägt, deren Teil sie waren und die sie mitgestaltet haben. Die Kulturen der Print- und der Online-Redaktion unterscheiden sich spürbar.

Solche Unterschiede verschwinden nicht mit einem neuen Organigramm. Für eine gemeinsame Redaktion, die auch so empfunden und gelebt wird, braucht es gemeinsame Erlebnisse, gemeinsame Ziele, gemeinsamen Erfolg und durchaus auch gemeinsame Niederlagen. Dafür braucht es jede und jeden Einzelnen. Und es braucht Zeit.

Wann ist die Fusion fertig? Vielleicht dann, wenn wir irgendwann auf eine Zeit zurückblicken, in der man von Onlinern und Printlern sprach.

Zudem ist uns inzwischen klar: Die Fusion (Projekt Orange — intern liebevoll „Agent Orange“ genannt) ist letztlich ein riesiges Modernisierungsprojekt. Wir stecken in einem Veränderungsprozess, der nicht demnächst zu Ende ist. Wir stehen gerade mal am Anfang, der Wandel wird anhalten, er wird kompliziert und anstrengend bleiben.

Viele Kolleginnen und Kollegen haben seit letztem September ihre Angst verloren. Sie haben angefangen, Lust an diesem Prozess zu entwickeln. Die Unsicherheit, die sie vielleicht am Anfang empfunden haben, ist der Neugier gewichen, dem Mut, sich auf Veränderungen einzulassen und sie zu gestalten, der Lust auf das Unbequeme.

Denn es geht eben nicht nur darum, dass Online- und Print-Redakteure künftig zusammenarbeiten. Wir wollen als SPIEGEL-Redaktion am Puls der Zeit bleiben. Wir wollen Journalismus so anbieten, dass er für Leser und Nutzer attraktiv ist und sie bereit sind, dafür zu bezahlen. Damit wir weiterhin das bieten können, was wir am besten können und für wichtig halten: exzellenten, investigativen Journalismus.

Welche Schlagkraft wir dabei entwickeln können, hat nicht zuletzt die Enthüllung zum Ibiza-Video und Österreichs Ex-Vize-Kanzler Heinz-Christian Strache gezeigt. Wenn wir konzertiert auf allen Kanälen unter der Marke SPIEGEL arbeiten, entwickeln wir eine enorme Schlagkraft, werden schneller und besser.

Oder, um einen Berliner Kollegen in der SPIEGEL-typischen Bescheidenheit zu zitieren: „Dann können sich die anderen alle mal gehackt legen.“

— Susanne Amann und Birger Menke, Projektleitung Orange

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