Ein Held, eine Reise, ein Heft — wie SPIEGEL Expedition entstanden ist

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Wie entstand die Idee zu SPIEGEL Expedition?

Ein Vorschlag, ein paar Argumente hin und her, dann war sie da, die Idee: Wollen wir nicht ein Heft über Entdecker in der Reihe SPIEGEL Geschichte machen? — Super Thema, aber ist es nicht verschenkt, alle in einem einzigen Heft abzuhandeln? — Stimmt schon, Expeditionen und Entdeckerfahrten sind die ganz großen Heldengeschichten, da würde man lieber noch mehr in die Tiefe gehen. — Dann also ein ganz neues, anderes Heft, mit nur einem Helden pro Ausgabe? –Vielleicht etwas jünger als die SPIEGEL-Geschichte-Hefte? — Gute Idee, lass mal weiterdenken!

So ging’s los. Irgendwann im Spätsommer 2017.

Wer steht hinter SPIEGEL Expedition?

SPIEGEL Expedition, das ist: ein Held, eine Reise, ein Heft. Erdacht haben die Idee Susanne Weingarten und Eva-Maria Schnurr, Leiterinnen des SPIEGEL-Ressorts Sonderthemen. In diesem Ressort entstehen viele Special-Interest-Magazine des SPIEGEL: SPIEGEL Geschichte, SPIEGEL Wissen, SPIEGEL Biografie und andere. Heft- und Entwicklungsredakteur war Dirk Liesemer, der sonst als freier Autor tätig ist. Die Gestaltung wurde vom Layout-Team des SPIEGEL entwickelt, namentlich von Leon Lothschütz und Annika Loebel unter Federführung von Jens Kuppi.

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An wen soll das Magazin richten?

An Menschen, die sich für Abenteuer interessieren, für spannende Geschichten, für Entdecker und Reisen — und ein bisschen natürlich auch für Geschichte. Gedacht ist es als historisches Outdoorheft für Sofaabenteurer. Eher eine jüngere Zielgruppe, eher männlich, vielleicht auch Väter (oder Mütter) mit ihren Kindern, Lehrkräfte mit ihren Schülern: Das war unser Ansatz.

Was stand von Beginn an fest?

Die Vorstellung, wie so ein Heft aussehen und sich vor allem anfassen sollte, war schnell da: Es sollte sehr haptisch sein, man sollte es gerne in die Hand nehmen, das Papier sollte mehr sein als nur Informationsträger, es sollte Spaß machen, im Heft zu blättern. Eine sinnliche Erfahrung, die an Logbücher oder alte Kladden erinnert. Also: Raueres Papier und kleineres Format, als wir es sonst haben. Und die Texte sollten kleinteiliger und kürzer sein. Dafür wollten wir mehr optische Elemente, eine lockeres Zusammenspiel von Wort und Bild.

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Gab es Marktforschung?

Nein, aber viele Gespräche im Haus und mit Freunden, Bekannten, Kollegen; Sondierungen des Vertriebs, Gespräche der Anzeigenabteilung. Das Bauchgefühl bei allen war: Super Idee, unbedingt machen. Das sahen großartigerweise auch Verlagsleitung und Chefredaktion beim SPIEGEL so. Also legten wir los.

Wie kam es zum Namen? Und warum gibt es einen so prominenten Untertitel?

Zu Anfang hieß das Heft noch „SPIEGEL Geschichte Expedition“. Wir wollten damit deutlich machen, dass es um historische Themen geht. Doch in weiteren Gesprächen stellten wir fest: Diese Logik ist für Außenstehende schwer zu verstehen. Viel einleuchtender schien es, einen starken, eindeutigen Claim auf das Heft zu schreiben, der die Marschrichtung sofort klarmacht: SPIEGEL Expedition — Die größten Abenteuer aller Zeiten.

Warum wurde Alexander von Humboldt zum Helden der ersten Ausgabe erwählt?

Erstens, weil er ein deutscher und dazu ein „guter“ Entdecker ohne Schattenseiten ist. Zweitens, weil seine Reise durch Lateinamerika auch heute noch spannend zum Nachreisen ist. Und drittens, weil seit Daniel Kehlmanns Roman „Die Vermessung der Welt“ und Andrea Wulfs sehr erfolgreicher Humboldt-Biographie vermutlich fast jeder schon mal von Humboldt gehört hat, so dass wir unsere potenzielle Leserschaft für prinzipiell aufgeschlossen gehalten haben.

Wie lief die Heftentwicklung ab?

Am Anfang stand eine Fotografie, das Layoutchef Jens Kuppi zu einer der ersten Besprechungen mitbrachte: eine altehrwürdige Bibliothek, hohe, dunkle Bücherwände, und in der Mitte bunte Zelte, knallige Farben, kreative Unordnung. Das war die Stimmung, die wir in dem Heft transportieren wollten: Es geht zwar um Historisches, aber wir wollten die Vergangenheit farbig zeichnen, ein Stück weit in die Gegenwart holen.

Und dann legten alle los. Auf Textseite überlegten wir, welche Etappen von Humboldts Reise für unsere Idee zentral sind, wie sie sich in welche Geschichten gliedern lassen und welche Dramaturgie, welchen Spannungsbogen wir aus seinem jahrelangen Trip aufbauen können. Und wir entwickelten Formate, die klar machen sollten, dass das Heft nicht historisch oder gar akademisch ist, sondern ein Abenteuerheft — darum gibt es nun Survival-Tipps von Experten wie Rüdiger Nehberg und den Huberbuam, die ihre Erfahrungen in ähnlichen Situationen schildern, wie sie Humboldt erlebte. Dazu ein FAQ über Humboldt und seine Pläne, ein anhand von Aufzeichnungen Humboldts rekonstruiertes Gespräch zwischen ihm und einem Einheimischen…

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Gleichzeitig entwarfen die Layouter die unterschiedlichen Seiten- und Textformate. Sie benutzten dabei ausschließlich unsere neuen SPIEGEL-Schriften, aber in Schnitten, die im SPIEGEL selbst nicht zum Einsatz kommen und deshalb sehr auffallen. Die Illustratorin Eva Revolver baten wir, die Karten für die Kapitel-Aufmacher zu zeichnen, um jeweils eine der Etappen abzubilden. Und für die Graphic Novel gewannen wir den Illustrator Robert Deutsch aus Leipzig, der trotz einer relativ kurzen Vorlaufzeit sofort begeistert in das Projekt einstieg.

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Bildlich hatten wir anfangs den Plan, alles mit Stichen aus Humboldts graphischem Werk zu bebildern, stellten aber schnell fest, dass das Heft dadurch zu historisch anmuten würde. Dann stießen wir auf eine kolumbianische Fotografin, Juanita Escobar. Sie ist seit mehreren Jahren am Orinoco unterwegs, dokumentiert mit der Kamera das Leben der Indigenen dort am und mit dem Fluss — und macht ausgesprochen stimmungsvolle Bilder. Das passte genau. Sie hatte sofort Lust, mitzumachen, so dass wir entschieden, im Heft neben Zeichnungen aus dem 19. Jahrhundert nur Fotos von ihr zu zeigen.

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Die eigentliche Entwicklungsphase waren fünf Wochen, während derer wir immer wieder neu justierten: Dramaturgie, Ton der Artikel, Struktur, all das diskutierten wir immer wieder grundsätzlich. Erst zum Schluss entschieden wir, dass es doch eine Übersichtskarte der Reise zu Beginn des Heftes braucht und zumindest ein abgespecktes Inhaltsverzeichnis. Zu Beginn hatten wir noch gedacht, der Leser solle einfach wie Humboldt mit auf die Reise gehen, ohne genau zu wissen, wie die Route eigentlich verlaufen würde — was Humboldt eben vorher auch nicht so genau wusste. Dann merkten wir aber an Rückmeldungen testlesender Kollegen, dass es so nicht funktioniert. Im allerletzten Lesedurchgang änderten wir außerdem noch einmal fast alle Überschriften. Da das Heft keine Vorspänne hat, mussten wir die Überschriften anders denken, als wir es üblicherweise tun. Und probierten viel aus: witzig, verrätselt, um die Ecke gedacht — stellten aber fest, dass es nicht in den Artikel hineinführt und den Leser ratlos lässt. Also entschieden wir uns, durchgehend mit Zitaten von Humboldt zu arbeiten.

Und dann, wichtig, das Titelbild: Hier kam die Idee ganz von Anfang zum Tragen — alt und modern kombiniert. Wir gaben Probedrucke mit Neonfarben in Auftrag und entschieden dann, einen schwarz-weißen Stich auf neongrünem Hintergrund zu drucken, um deutlich zu machen: Hier geht’s zwar um ein historisches Thema, aber eben anders als gewohnt.

Gab es Vorbilder?

Nein, ein ähnliches Heft ist uns zumindest nicht bekannt. Was spannend war — und gut, weil wir wirklich völlig neu denken konnten und mussten.

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Was war die größte Herausforderung?

Da es keine Vorbilder gab, hatte vermutlich jeder, der an dem Projekt beteiligt war, irgendeine Idee, irgendein Bild im Kopf, wie das Heft aussehen und daherkommen sollte. Eine Hauptaufgabe war es also, die unterschiedlichen Vorstellungen in Übereinstimmung zu bringen und klarzubekommen, dass wir wirklich vom selben Heft reden. Wir haben viele Mood-Bilder herumgeschickt, um eine bestimmte Stimmung zu verdeutlichen, die wir uns im Heft vorstellen können, wir haben „Best Practice“-Beispieltexte an die Autoren verschickt, wir haben viel diskutiert, viel geredet, viel ausprobiert, viel verworfen. Am Ende hat es geklappt.

Wird es weitere Ausgaben geben?

Das hoffen wir sehr. Die Liste von Entdeckern und Expeditionen, über die wir gerne erzählen würden, ist lang — von Kolumbus bis zur Mondlandung. Und wahrscheinlich fallen uns und den Lesern noch mehr Vorschläge ein.

— 31. Mai 2018, von Eva-Maria Schnurr, Ressortleitung Sonderthemen

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